Im 18. Jahrhundert waren die Unterschiede zwischen Erster und Dritter Welt sehr viel weniger ausgeprägt als heute. Somit drängen sich zwei Fragen auf.
1. Welche Länder entwickeln sich und welche nicht?
2. Können wir Ursachen dafür angeben?
Die erste Frage ist leicht zu beantworten. Ausserhalb von Westeuropa haben sich jene beiden Regionen entwickelt, die der Kolonisierung entgangen waren: die Vereinigten Staaten und Japan.
Die japanischen Kolonien sind eine andere Sache; zwar war Japan eine brutale Kolonialmacht, aber es raubte seine Kolonien nicht aus, sondern entwickelte sie in nahzu dem selben Masse wie das Mutterland selbst.
Osteuropa gelang trotz des Stalinismus und der furchtbaren Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges die tiefgreifende Industralisierung der Region. Sie bildete, zumindest bis1989, die "Zweite Welt". Westliche Planungsstrategen befürchteten Russlands Wirtschaftswachstum könnte in anderen Ländern zu jene Krankheit führen, von der Russland 1917 befallen worden war, als es sich weigerte, weiterhin der westlichen Industriewirtschaft als Zulieferer zu dienen.
Nun zur zweiten Frage: Wie haben Europa und diejenigen Länder, die sich seiner Kontrolle entziehen konnten, die erfolgreiche Entwicklung bewerkstelligt?- Durch die radikale Verletzung der anerkannten These des freien Marktes. Das gilt vom England des 18. Jahrhunderts bis hin zu heutigen ostasiatischen Wachstumregion und schließt zweifelos die Vereinigten Staaten, die historischen Vorreiter des Protektionismus, ein. Maßgebliche Werke der Wirtschaftsgeschichte erkennen an, dass staatliche Intervention eine entscheidende Rolle für das Wirtschaftswachstum gespielt hat. Jedoch wird gern unterschlagen, dass die für die industrielle Revolution absolut notwendige billige Baumwolle, die zumeist aus den USA stammte, nicht durch die Kräfte des Marktes billig und verfügbar blieb, sondern durch die Vernichtung der eingeborenen Bevölkerung und durch Sklavenarbeit. Natürlich gab es auch andere Baumwollproduzenten, an erster Stelle Indien. Seine Ressourcen flossen nach England, während seine eigene weitentwickelte Textilindustrie durch britische Gewalt und britischen Protektionismus zerstört wurde. Ein weiteres Beispiel ist Ägypten, wo die industrielle Entwickllung ungefähr zu gleichen Zeit begann wie in den USA. Doch auch hier intervenierte Großbritannien gewaltsam, weil es in dieser Region keine unabhängige Entwicklung dulden konnte.
Die Vereinigten Staaten und Großbritanien blockierten die Einfuhr von Textilien durch extrem hohe Zölle, um die wichtige Textilindustrie zu schützen, während sie die Kolonien als billige Rohstofflieferanten benutzten und so ihre Industrialisierung verhinderten.
In der heutigen Zeit ist es die Energie, von der die entwickelten Industrieländer abhängen. Das goldene Zeitalter der Nachkriegsentwicklung beruhte nicht zuletzt auf preisgünstigem und im Überfluss vorhandenem Öl, wobei Drohungen oder Gewaltanwendungen dafür sorgten, dass es so blieb. Und auf dieser Weise geht es weiter. Ein großer Teil des Pentagon-Budgets dient dazu, die Ölpreise im Mittleren Osten auf einem Niveau zu halten, das die USA und ihre Energiegesellschaften für angemessen befinden.
Der Aufbau der japanischen Wirtschaft wiederrum erfolgte durch eine dominate Rolle des Staates, der die neoliberalen Empfehlungen der USA ablehnte. Erst als die Ausicht auf Handelserfolge zunahm, gingen Staatsbürokratie und Industrie langsam dazu über, Marktmechanismen einzuführen. Der Erfolg ist beieindruckend. Fast ohne Ressourcengrundlage ist Japan in den 90er Jahren zum weltgrößten Fertigungsproduzenten und zur weltweit führenden Quelle von Auslandsinvestitionen geworden.