Eine Näherin in den Fabriken für Nike und Adidas erhält täglich fünf Euro Lohn. 2,55 davon muss sie täglich für das Kantinenessen bezahlen, 35 Euro monatlich für die Miete, 0.77 Cents täglich für den Bus. Da bleibt nicht viel zum Überleben. So geht es Millionen von Arbeitern in der Dritten Welt, die für Konzerne wie Nike arbeiten und ausgebeutet werden.
Über 90% der Kleidungsstücke in Europa werden in Freihandelszonen in China, Südostasien, Mittelamerika und Osteuropa hergestellt. Die Markenfirmen selbst beschränken sich auf das Design und auf die Werbung. Die Löhne der Näherinnen fallen beim Endpreis kaum ins Gwicht. Sie bekommen zb. nur 0,4% vom Verkaufspreis eines Sportschuhes. Von Sozialversicherung und Arbeitsrechte können die Näherinnen nur träumen.
Die Unternehmer nützen die instabile wirtschaftliche und politische Situation, um niedrige Steuern und Sozialstandards auszuhandeln. Sie können dabei auf die Unterstützung durch die Weltbank und den IWF zählen, die in den hochverschuldeten Ländern vor allem die Interessen der westlichen Geldgeber vertreten. Der enorme Schuldendruck zwingt viele Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ihre Mindestlöhne unter dem Existenzminimum zu halten. Nutznießer sind die multinationalen Konzerne, die sich zynisch auf die staatlich festgelegten Mindestlöhne berufen.
Damit man von Investitionen in den Entwicklungsländern reden kann, müsse man auch Löhne zahlen, die einen angemessenen Lebenstandard erlauben. Doch davon ist man weit entfernt. Würden etwa die 150.000 Textilarbeiterinnen in Indonesien monatlich nur 11 Euro mehr verdienen, könnten sie davon nicht nur menschenwürdig leben, sondern auch ihren Kindern den Schulbesuch ermöglichen. Der Preis für die Produkte stiege dabei lediglich um 36 Cents. So sind Kinder aber oft selbst zum Arbeiten gezwungen, weil das Familieneinkommen nicht reicht.
De facto drücken die Konzerne mit ihrer Preispolitik die Standards in den betroffenen Ländern nämlich noch weiter nach unten. Sie produzieren natürlich dort, wo es am billigsten ist. Es würde für sie gar nicht ins Gewicht fallen, wenn sie ein paar Cents mehr für die Löhne zahlten, aber so etwas widerspräche einfach ihrer Marktphilosophie. Wenn ein Standort aufgrund sozialer Verbesserungen auch nur eine Spur teurer wird, ziehen die Konzerne sofort zum nächsten weiter. Erhöht ein Land die Sozialstandards, riskiert es damit, das alle Investoren ins Nachbarland abwandern. Die Bekleidungsindustrie braucht ja nur irgendwelche Fabrikhallen anzumieten und Nähmaschinen aufzustellen. Zurück bleiben oft Zehntausende Arbeitslose.
Der von den Konzernen ausgeübte Konkurrenzdruck schlägt sich nicht nur auf die Löhne, sondern auch auf die Zustände am Arbeitsplatz. Etwa die
Hälfte der Arbeiterinnen sind unter 18 Jahre. Ein durchschnittlicher Arbeitstag beträgt 12-14 Stunden.
"Um Wasser zu trinken oder auf die Toilette zu gehen, braucht man eine Erlaubnis. Dort überprüfen Sicherheitskräfte den Firmenausweis,
da man nicht öfter als zweimal täglich austreten darf. Die Anlagen sind verschmutzt. Beim Verlassen der Fabrik mussten wir entwürdigende
Durchsuchungen über uns ergehen lassen".
Wenn eine Frau angestellt werde, müsse sie selbst einen Schwangerschaftstest bezahlen. Ist sie schwanger, fliegt sie raus. Gewerkschaften
sind nicht erlaubt. "Sobald sie wüssten, dass du einer Gewerkschaft angehörst, würden sie dich rauswerfen. Alle haben Angst." Sexuelle
Belästigung und Gewaltanwendung stehen an der Tagesordnung.
Berichte über Kinderarbeit, Ausbeutung, Zwangsarbeit, Gewalt und sexuelle Belästigung bedrohen das Image jener Unternehmen, die sich ihrem vorwiegend jugendlichen Publikum gerne als modern und weltoffenen präsentieren möchten. Immer öfter wird dieses Bild gestört- vor allem durch Reportagen über die Bedingungen in den sog. Sweatshops, in denen Markenfirmen ihre Produkte herstellen lassen. Um ihr Image aufzupolieren, haben die meisten Markenkonzerne Verhaltensnormen, sog. Codes of Conduct etabliert. Doch die effiktive Umsetzung dieser Normen wird allgemein bezweifelt. "Sehr großzügig betrachtet haben vielleicht zehn Prozent aller westlichen Firmen, denen Missbräuche vorgeworfen wird, etwas Sinnvolles zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen geleistet", kritisiert der amerikanische Ökonomieprofessor Prakash Sethi. Ohne Kontrolle durch unabhängige Organisationen und Gewerkschaften sind die angeblichen Verbesserungen kaum überprüfbar. Dagegen wehren sich die Konzerne aber nach wie vor. Bei fast allen selbst auferlegten Verhaltensnormen fehlen außerdem zwei wesentliche Kriterien. Zum Ersten das Recht auf einen menschenwürdigen Lohn. Und zweitens das Recht auf die Bildung freier Betriebsräte und unabhängiger Gewerkschaften.
Aber nur die Selbstorganisation der Arbeiter vor Ort biete einen effektiven und dauerhaften Schutz vor Missbräuchen. Könnten die Arbeitnehmer ihre Löhne kollektiv verhandeln und notfalls auch in Streik treten, wäre den Unternehmen mit einem Schlag die Möglichkeit genommen, beliebig über die grosse Masse der Lohnabhängigen zu verfügen. Deshalb gehen die Konzeren mit allen Möglichkeiten, auch mit Gewalt, gegen die Bildung von Gewerkschaften vor.
Die Verhaltenkodizes dienen aber nur dazu, dass sich die Konsumenten in Europa und den USA besser fühlen. Für die Arbeiter selbst
haben sie in erster Linie Verschlechterungen gebracht. Die meisten Verbesserungen, die in den Codes der Konzerne gefordert werden, müssen
müssen die Zulieferfirmen selbst tragen, nicht die Markenfirma. Die Arbeiter müssen so noch härter arbeiten, um die Kosten dafür
wieder reinzukriegen. Die Multinationalen wissen, dass die Codes den Preis steigern, doch sie wollen ihn nicht zahlen. Und wenn
eine Betriebstätte wegen der Codes teurer produziert, verlagern sie ihre Produktion einfach und weichen auf billigere Standorte aus.
Von Thailand nach China, von China nach Vietnam usw.
Die Verhaltensregel dienen nur der eigenen Werbung. Ein Konzern, der Standards verlangt, aber das Geld dafür nicht bezahlt, stiehlt
dieses Geld direkt vom Arbeiter.
Die "Sozialcharta für den Handel mit Kleidung" ist eine Verpflichtungserklärung, die die Clean-Clothes-Kampagne allen großen Textilkonzernen vorgelegt hat. Sie entspricht den Mindeststandards der Internationalen Arbeitsorganisation. Bis heute haben nur vier Unternehmen diese zentrale Forderung unterzeichnet: Migros, Switcher, Veillon und Hess Natur. Diese schweizer Firmen beteiligen sich auch an Pilotprojekten zur unabhängigen Kontrolle der Arbeitsverhältnisse in ihren Zulieferbetrieben.
Quelle: Klaus Werner und Hans Weiss, Schwarzbuch Markenfirmen, 2003, Verlag Franz Deuticke Uns gehört die Welt